tell me your story


Gratis bloggen bei
myblog.de



Wo ich herkomme

Der Ort an dem ich lange Jahre gewohnt habe, ist nicht der Ort aus dem ich her komme. Es ist nicht meine Heimat. Meine Heimat liegt im Osten Europas. Es ist ein kleines Dorf, am Fuße des Tatra Gebirges gelegen. Die Berge sind noch nicht massiv und schieferfarben, wie die des Hochtatras. Sie sind seicht und tiefgrün. Im Sommer schimmert das Unterholz dunkelblau. Die Blaubeeren wuchern überall. Dazwischen gibt es sanftrote, kleine Punkte. Es sind Walderdbeeren. Die süßesten Früchtchen, die ich kenne. Ich kenne diese Landschaft eigentlich nur aus den Sommern, die ich dort verbrachte. Lange Sommer. Jedes in den Ferien fuhr ich dorthin. Ich kannte die Hügel, ich kannte die Bergen, die Wiesen und Haine. Ich sah die Menschen auf den Feldern arbeiten. Mit Sense und Sichel, wie vor hundert Jahren. Der Fortschritt hielt in diesem Dörfchen keinen Einzug. Es ist sehr weit oben gelegen. Die Luft ist unglaublich klar. Nachts hängen die Sterne tief über dem Land, zum Greifen nah. Jedoch nicht für die Bewohner. Sie waren mit Schwerstarbeit in der Landwirtschaft beschäftigt. Heute füllt die Arbeitslosigkeit und der Alkohol ihre Tage. Das Leben der Leute hat sich verändert. Die Landschaft auch. Die Felder werden nicht mehr bearbeitet. Niemand braucht mehr ihre Ernte. Ihre Früchte zahlen sich nicht mehr aus. Die europäische Subventionierungskampagne ändert auch nichts dran. Die Felder liegen brach. Sie wuchern. Die Natur hat eine neue Spielwiese bekommen. Am Ende holt sie sich doch alles zurück. Sie lässt alles wieder aufblühen. Tiere kommen zurück. Bären, Schlangen, Schmetterlinge. Die Schädlinge werden nicht mehr bekämpft. Alles blüht auf. Nur die Menschen gehen ein. Als könnte der Mensch nur gegen die Natur leben, nicht mit ihr.

Wo kommst du her?   

29.10.06 01:34, kommentieren

Erbstück

Ich habe keine richtigen Erbstücke. ich habe einige Mocca-Tassen meiner Großmutter Aniela. Sie stehen in einer Vitrine im Haus meiner Eltern. Außerdem habe ich zwei Tiffanylampen, die wie Bäume mit rosanen Blüten aussehen. Die stammen aus dem Nachlaß einer Freundin meiner Mutter. Sie bringen lustiges Licht in meine Wohnung. Die Lampen habe ich mir selbst ausgesucht. Als ich neu in diese Wohnung eingezogen bin, wusste ich, dass diese Lämpchen hierhin gehören. Sie passen in beide Zimmer. Sie sind entzückend.

Das Moccaservis habe ich mir nicht ausgesucht. Ich bekam es von Großmutter Aniela. Ich hätte es mir nicht ausgesucht. Aber ich hänge sehr daran. Außerdem habe ich einen Rosenkranz und eine Ikone von ihr. Alles Dinge, die ich mir selbst niemals gekauft hätte. Und ich hänge an allem von dem. Weil ich von ihr nichts mehr habe.

Wir sind eine Familie von Flüchtlingen, wir haben nicht viel mitgenommen. Eigentlich gaben wir alles dort weg, wo wir gewohnt haben. An die weiter, die es brauchten.

Man sollte keine Dinge vererben. Nur Weisheit.

Hast du Erbstücke? Hast Du Erbweisheiten? Welche?

27.10.06 23:00, kommentieren

The Elders

Von den Älteren gab es in meiner Familie mehr als genug. Ich stamme aus einer recht großen Familie. Der Vater meiner Mutter starb zwei Wochen nach meiner Geburt. Die Legende meiner Familie besagt, sein Herz sei vor Freude über meine Ankunft zersprungen. Er starb an Herzversagen.

Der Vater meines Vaters starb an Krebs als ich etwa sechs war. Ich erinnere mich an ihn gesund. Als er krank wurde, kam er sofort ins Krankenhaus, das er nie wieder verlies. Von irgendjemanden wurde ich für zu klein deklariert, um ihn an seinem Krankenbett zu besuchen. Das heißt, für mich, verschwand er einfach und irgendwann hieß es, er sei tot.

Meine Großmutter, mütterlicherseits, starb im Alter von 67 Jahren. Ich war damals 13. Auch sie starb an Krebs. Auch bei ihr ging es schnell, und auch sie habe ich nur gesund gesehen. Als sie im Krankenhaus lag, waren wir schon in Deutschland. Damals gab es noch den Eisernen Vorhang, und ein Visum, das man Monate im Vorfeld beantragen musste, um nach Polen zu reisen. Meine Mutter bekam eine Sondergenehmigung. Sie fuhr allein, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Zur Beerdigung fuhren wir nicht. Wir hatten keine Zeit ein Visum zu beantragen.

Meine Großmutter väterlicherseits lebt noch. Sie ist hier in meiner Stadt. Kerngesund. Über 80.

Obwohl viele meine Großeltern früh verstorben sind, lebten sie weiter. Sie waren so lebendig in unserer gemeinsamen Familienerinnerung, so als wären sie nicht tot, sondern einfach nur in  einem anderen Land, Polen zum Beispiel. Ich habe noch einige Erinnerungen an sie. An meinen Großvater Emil, Mamas Papa, erinnere ich mi natürlich gar nicht. Trotzdem spüre ich ihn. Angeblich war er stets ein Glückspilz gewesen. Wenn ich manchmal "Schwein" brauche, dann rufe ich ihn an. Es hilft.

Meinen Großvater Jurek habe ich ein bisschen in Erinnerung. Ich habe keine Weisheiten von ihm behalten, ich weiß nicht ob er im Diesseits welche parat hatte. Ich erinnere mich an sein Lächeln, seine Wärme, seine Hand, die immer die meine hielt. Ich erinnere mich, wie er mir die kleinen Dinge des Lebens erklärte, auf eine entzückend kindliche Art und Weise. Ich sehe sein Lächeln. Jedoch höre ich sein Lachen nicht.

Meine Großmutter Aniela ist die lebendigste in meinen Erinnerungen. Sie war hier am längsten da, von den drei verstorbenen. Ich erinnere mich an den Duft ihres Essens, aber nicht an den Geschmack. Ich sehe ihr Lächeln, das aber meist ein Lachen war. Ich höre sie Lachen und höre ihre Stimme. Als Mutter sehr streng, als Großmutter umso großzügiger, sie war immer für ausgefallene Ideen gut. Wir spielten im Sommerhaus Theater. Sie half uns Kindern immer alles zu inszinieren und sie selbst war die Kostümbildnerin. Jetzt wo ich an das Sommerhaus denke, fällt mir eine Speise ein, deren Geschmack ich immer noch spüre, und in der sie eine Meisterin war: buchty mit Blaubeeren gefüllt, in süßer Sahnesauce. Die Blaubeeren waren meist selbst gesammelt, alles ganz frisch entweder aus dem Garten oder aus den Heinen nahebei. Bevor sie starb, lud sie ihre Kinder und Enkelkinder zu sich ein. Ein letztes Mal. Sie veranstaltet eine Abschiedsparty bevor sie ging, auf der sie sich einzeln von allen verabschiedet hatte. Sie teilte vieles mit uns. Doch eines nahm sie mit: ihr Wissen um die Kräuterkunde.

Meine Großmutter Ela ist die unweiseste von allen. Sie fragt sich manchmal weshalb sie denn noch lebt, da viele andere schon gegangen sind. Und ich denke: weil du deine Weisheit noch nicht erlangt hast. Du musst noch etwas begreifen. Was es ist, weißt nur du. 

Auch wenn viele Älteren da waren. Die wichtigsten waren die, die gingen. Denn es war der Umgang mit ihrer Abwesenheit, der mich vieles gelehrt hatte. Es zählt eigentlich nicht, dass man stirbt. Denn in den Gedanken, Worten und Taten seiner Nächsten lebt man weiter. In meiner Familie hat der Tod nichts endgültiges; vielmehr ist er einfach nur ein Ende einer Etappe, und danach geht es direkt in die nächste.   

Wer waren deine Älteren?

27.10.06 18:43, kommentieren

Meine frühesten Erinnerungen stammen aus dem Jahre 1977. Damals war ich fast zwei Jahre alt. Sie betreffen meine Urgroßmutter väterlicherseits. Sie lag im Sterben. Wir waren in ihrer kleinen Wohnung. Sie lag im Bett. Ihre Haare waren grau und durcheinander. Die gesamte Bettwäsche war weiss. Ihre Beine waren so unglaublich angeschwollen. Sie hatte ein helles Nachthemd an. Ich kann mich weder an Gerüche, noch an Geräusche erinnern. Ich hielt die Hand meiner Mutter. Ich fühlte mich unwohl, fremd.

Die nächste Erinnerung ist ihre Beerdigung. In einem langen Trauerzug liefen wir die Straße zum städtischen Friedhof unserer Kleinstadt. Ich hatte weiße Strümpfe an und ein dunkelblaues Kleidchen. Auch da hielt ich die Hand meiner Mutter.

Es sind meine aller ersten Erinnerungen. Sie sind rein visuell. Ich erinnere mich weder an Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, oder sonst etwas. Diese Erinnerungen sind fast die fotografische Aufnahmen.

Was ist deine erste Erinnerung?

27.10.06 15:01, kommentieren

Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung