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The Elders

Von den Älteren gab es in meiner Familie mehr als genug. Ich stamme aus einer recht großen Familie. Der Vater meiner Mutter starb zwei Wochen nach meiner Geburt. Die Legende meiner Familie besagt, sein Herz sei vor Freude über meine Ankunft zersprungen. Er starb an Herzversagen.

Der Vater meines Vaters starb an Krebs als ich etwa sechs war. Ich erinnere mich an ihn gesund. Als er krank wurde, kam er sofort ins Krankenhaus, das er nie wieder verlies. Von irgendjemanden wurde ich für zu klein deklariert, um ihn an seinem Krankenbett zu besuchen. Das heißt, für mich, verschwand er einfach und irgendwann hieß es, er sei tot.

Meine Großmutter, mütterlicherseits, starb im Alter von 67 Jahren. Ich war damals 13. Auch sie starb an Krebs. Auch bei ihr ging es schnell, und auch sie habe ich nur gesund gesehen. Als sie im Krankenhaus lag, waren wir schon in Deutschland. Damals gab es noch den Eisernen Vorhang, und ein Visum, das man Monate im Vorfeld beantragen musste, um nach Polen zu reisen. Meine Mutter bekam eine Sondergenehmigung. Sie fuhr allein, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Zur Beerdigung fuhren wir nicht. Wir hatten keine Zeit ein Visum zu beantragen.

Meine Großmutter väterlicherseits lebt noch. Sie ist hier in meiner Stadt. Kerngesund. Über 80.

Obwohl viele meine Großeltern früh verstorben sind, lebten sie weiter. Sie waren so lebendig in unserer gemeinsamen Familienerinnerung, so als wären sie nicht tot, sondern einfach nur in  einem anderen Land, Polen zum Beispiel. Ich habe noch einige Erinnerungen an sie. An meinen Großvater Emil, Mamas Papa, erinnere ich mi natürlich gar nicht. Trotzdem spüre ich ihn. Angeblich war er stets ein Glückspilz gewesen. Wenn ich manchmal "Schwein" brauche, dann rufe ich ihn an. Es hilft.

Meinen Großvater Jurek habe ich ein bisschen in Erinnerung. Ich habe keine Weisheiten von ihm behalten, ich weiß nicht ob er im Diesseits welche parat hatte. Ich erinnere mich an sein Lächeln, seine Wärme, seine Hand, die immer die meine hielt. Ich erinnere mich, wie er mir die kleinen Dinge des Lebens erklärte, auf eine entzückend kindliche Art und Weise. Ich sehe sein Lächeln. Jedoch höre ich sein Lachen nicht.

Meine Großmutter Aniela ist die lebendigste in meinen Erinnerungen. Sie war hier am längsten da, von den drei verstorbenen. Ich erinnere mich an den Duft ihres Essens, aber nicht an den Geschmack. Ich sehe ihr Lächeln, das aber meist ein Lachen war. Ich höre sie Lachen und höre ihre Stimme. Als Mutter sehr streng, als Großmutter umso großzügiger, sie war immer für ausgefallene Ideen gut. Wir spielten im Sommerhaus Theater. Sie half uns Kindern immer alles zu inszinieren und sie selbst war die Kostümbildnerin. Jetzt wo ich an das Sommerhaus denke, fällt mir eine Speise ein, deren Geschmack ich immer noch spüre, und in der sie eine Meisterin war: buchty mit Blaubeeren gefüllt, in süßer Sahnesauce. Die Blaubeeren waren meist selbst gesammelt, alles ganz frisch entweder aus dem Garten oder aus den Heinen nahebei. Bevor sie starb, lud sie ihre Kinder und Enkelkinder zu sich ein. Ein letztes Mal. Sie veranstaltet eine Abschiedsparty bevor sie ging, auf der sie sich einzeln von allen verabschiedet hatte. Sie teilte vieles mit uns. Doch eines nahm sie mit: ihr Wissen um die Kräuterkunde.

Meine Großmutter Ela ist die unweiseste von allen. Sie fragt sich manchmal weshalb sie denn noch lebt, da viele andere schon gegangen sind. Und ich denke: weil du deine Weisheit noch nicht erlangt hast. Du musst noch etwas begreifen. Was es ist, weißt nur du. 

Auch wenn viele Älteren da waren. Die wichtigsten waren die, die gingen. Denn es war der Umgang mit ihrer Abwesenheit, der mich vieles gelehrt hatte. Es zählt eigentlich nicht, dass man stirbt. Denn in den Gedanken, Worten und Taten seiner Nächsten lebt man weiter. In meiner Familie hat der Tod nichts endgültiges; vielmehr ist er einfach nur ein Ende einer Etappe, und danach geht es direkt in die nächste.   

Wer waren deine Älteren?

27.10.06 18:43

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